Bietigheimer Zeitung

SG BBM Bietigheim erklimmt Handball-Olymp

Die Handballer der SG BBM Bietigheim sind am Ziel: Trotz einer 23:29-Heimniederlage gegen den HC Erlangen steigen sie gemeinsam mit den Franken in die Erste Liga auf. Schützenhilfe leistete der EHV Aue mit seinem Sieg gegen Leipzig.

In der Halbzeitpause des Zweitliga-Duells zwischen der SG BBM Bietigheim und dem HC Erlangen (23:29) spielte sich am Samstagabend Ungewöhnliches ab: Die verletzten SG-Leistungsträger, die Ersatzleute, die beiden Torhüter Jan Kulhanek und Pascal Welz, Mannschaftsarzt und Physiotherapeut - sie alle steckten in einem Kreis die Köpfe zusammen und starrten auf das Display eines Smartphones. Alle warteten gespannt auf das erlösende Endergebnis aus Aue. Um 18.41 Uhr ertönte dann Jubel aus dem Erlanger Fanblock, wenig später lagen sich auch die Bietigheimer Handballer in den Armen: Der EHV Aue hatte das sächsische Derby, das eine Stunde früher angepfiffen worden war, gegen den Tabellenvierten SC DHfK Leipzig hauchdünn mit 25:24 gewonnen. Damit war der Bietigheimer Aufstieg vorzeitig in trockenen Tüchern, unabhängig vom Ausgang des Topspiels in der ausverkauften Sporthalle am Viadukt.

Nun brachen alle Dämme: Der verletzte Kapitän Christian Heuberger und Tim Coors spurteten sofort in die Kabine, um ihre Mitspieler über die Entwicklung zu informieren. Schon zur Halbzeitpause legte das Bietigheimer Team in den Katakomben die ersten Freudentänze hin, gepaart mit fröhlichen Gesangseinlagen. Als Erstligist kehrten die Handballer der SG BBM aufs Spielfeld zurück, unter den stehenden Ovationen des Publikums, das längst von Hallensprecher Michael Kloiber vom Resultat aus Aue unterrichtet worden war. Viele Besucher hatten via Handy aber sowieso die ganze Zeit mitgefiebert und Aue aus der Ferne die Daumen gedrückt.

SG-Erfolgstrainer Hartmut Mayerhoffer war die Erleichterung deutlich anzumerken, als er, fast schon hüpfend, über das Spielfeld zu seiner Bank ging und mit einem breiten Lachen ins Publikum winkte. Die zweite Hälfte gegen Erlangen konnten er und seine Aufstiegshelden entspannt in Angriff nehmen. Für die Franken war nun der Weg frei zum Auswärtssieg, der auch sie erstmals ins Handball-Oberhaus katapultieren würde. Schon im ersten Durchgang hatte die Truppe von Trainer Frank Bergemann die bessere Figur gemacht und nach einem beherzten Auftritt verdient mit 13:9 geführt. Viel Kampf, aber auch viel Krampf hatten die 1500 Zuschauer bis zu diesem Zeitpunkt zu sehen bekommen. Gerade die SG wirkte angesichts der großen Bedeutung des Spiels nervös und gehemmt.

Mit dem Wissen um die Leipziger Niederlage legte sich dies im zweiten Durchgang. Beide Mannschaften lieferten sich jetzt eine Partie, die fast schon freundschaftlichen Charakter hatte. Fortan zeigten die Bietigheimer und Erlanger Akteure viele schöne Tore und das eine oder andere Kabinettstückchen. Die Krönung war die Auszeit von Mayerhoffer in der vorletzten Minute, die beide Teams dazu nutzten, ausgelassen im Kreis ihren jeweiligen Aufstieg zu bejubeln. Bei seinem Heimdebüt erzielte Linksaußen Jonathan Scholz, der zur neuen Saison komplett vom TSV Friedberg nach Bietigheim wechselt, noch den 1000. Saisontreffer der SG. Den 23:29-Endstand stellte der überragende und neunfache Gäste-Torschütze Ole Rahmel her. Durch den Erfolg löste der HCE die Schwaben auf Rang zwei ab, was bei den Hausherren aber niemanden mehr groß juckte.

Claus Stöckle wagte schon einmal einen Ausblick auf die nächste Saison in der Eliteklasse. "Unser Ziel ist es, ernsthaft um den Klassenerhalt mitzuspielen. Wir wollen kein Kanonenfutter sein", sagte der Bietigheimer Klubchef, stellte aber auch klar: "Wir werden weiter mit beiden Beinen auf dem Boden bleiben und niemals so viel Geld ausgeben, dass wir in der Saison darauf Probleme bekommen könnten."

So spielten sie Bietigheim - Erlangen 23:29 (9:13) SG BBM Bietigheim: Kulhanek, Welz; Haller (4), Marco Rentschler (4), Dahlhaus (3), Timo Salzer (2), Blodig (2), Barthe (2), Blodig (2), Patrick Rentschler (1), Thorsten Salzer (1), Boschen (1), Scholz (1), Heling. HC Erlangen: Stochl, Bayerschmidt; Rahmel (9/3), Hess (7), Preiß (4), Weltgen (3), Nikolai Link (3), Nienhaus (1), Pankofer (1), Schwandner (1), Murawski, Jonas Link, Krämer. Siebenmeter: 2/0 - 4/4. Zwei-Minuten-Strafen: 3 - 4. Schiedsrichter: Christoph Immel (Tönisvorst), Ronald Klein (Ratingen). Zuschauer: 1500 (ausverkauft).

Stimmen

Hartmut Mayerhoffer, Trainer der SG BBM Bietigheim: Der Erfolg gebührt der Mannschaft und dem Publikum. Wenn wir etwas zur Ruhe kommen, werden wir realisieren, dass die Mannschaft Unglaubliches geleistet hat. Das ist etwas ganz, ganz Großes. Das Erfolgsgeheimnis ist, dass wir ein Team sind. Uns war immer klar, dass wir nur gemeinsam Erfolg haben können. Es war ein unglaubliches, phantastisches Jahr.

Frank Bergemann, Coach des HC Erlangen: Ich bin super erleichtert. Es war für alle Mannschaften, die oben dabei waren, eine spannende Saison. Ich freue mich, dass es auch die Truppe von Hartmut geschafft hat. Sie hat eine Riesenrückrunde gespielt. Das war ein würdiger Rahmen heute Abend.

Claus Stöckle, Vereinschef der SG BBM: Es ist einfach überwältigend. Das kann man gar nicht beschreiben. Man kann sich vorher noch so viele Szenarien ausmalen, aber wenn es dann so kommt, ist es ganz anders. Wir haben alles zielgerichtet gemacht und wollten auf etwas hinarbeiten. Aber letztlich muss man einfach auch sagen, dass viel dazugehört - nicht nur die eine Saison. Natürlich ist das jetzt das Ergebnis von vielen Sachen, die im Vorfeld aufgebaut worden sind. Eine glückliche Konstellation mit Spielern gehört natürlich ebenfalls dazu. Vor allem auch die mit unserem Trainer Hartmut Mayerhoffer.

Rudolf Sauerbrey, Urgestein des TSV Bietigheim und der SG BBM: Zunächst überwiegt die Freude über den Aufstieg. Ich hätte nicht daran geglaubt. Ich wünsche der Mannschaft alles Gute für die nächste Saison und hoffe, dass die Leute, die heute hier waren, auch dann kommen, wenn es nicht so gut läuft.

Andreas Bayerschmidt, Torhüter des HC Erlangen: Das ist überragend. Aber ich bin jetzt verzweifelt auf der Suche nach einem Bier.

Jonas Link, Erlanger Spieler: Der Aufstieg bedeutet für mich alles. Darauf haben wir zehn Monate hingearbeitet. Dass es mit unseren alten Kumpels aus Augsburg, Jonathan Scholz und Hartmut Mayerhoffer, geklappt hat, gemeinsam aufzusteigen, ist perfekt. Es ist überragend, was Hartmut hier in Bietigheim bei den vielen verletzten Spielern und dem Etat gemacht hat.

Jan Kulhanek, Bietigheimer Torhüter, der mit Tusem Essen schon in der Ersten Bundesliga gespielt hat: Die Freude ist jetzt riesig. Wir sind hierhergekommen, um irgendwann in die Erste Liga aufzusteigen. Die Mannschaft war schon lange Zeit zusammen. Wir haben uns als Team während der Saison weiterentwickelt, und der Aufstieg ist jetzt der Lohn. Wir haben einfach super funktioniert und uns dafür belohnt.

André Lohrbach, SG-Linksaußen: Ich bin überglücklich und kann es noch gar nicht fassen. Man sagt es ja immer in solchen Momenten, dass man es nicht fassen kann. Jetzt kann ich es bestätigen. Die Mannschaft hat immer an sich geglaubt, egal was gekommen ist. Wir haben einen unglaublichen Teamgeist und einen Glauben an uns. Wir haben sehr gut gearbeitet.

Paco Barthe, Bietigheimer Abwehrspezialist: Das ist unglaublich. Als Kind denkt man, wenn ich groß bin, will ich mal in die Erste Bundesliga in Deutschland und gegen den großen THW Kiel spielen. Was wir da geschafft haben, ist unglaublich. Wir hatten Spieler aus der zweiten Mannschaft dabei wie mich. Niemand hat daran geglaubt, und wir haben es geschafft. Das ist einfach nur geil.

Severin Englmann, Jugendmanager und Trainer der SG BBM 2: Das ist eine super Sache, wenn man sieht, dass man für seine Arbeit belohnt wird und dass wir mit unserem Konzept auf dem richtigen Weg sind und es Früchte trägt. Es sind im Moment neun Jugendspieler dabei. Paco Barthe kam ja aus der zweiten Mannschaft hinzu, auch Marco Rentschler hat diese Saison noch in der "Zweiten" gespielt.

Christian Heuberger, SG-Kapitän: Natürlich war es enttäuschend, dass ich die komplette Rückrunde nicht mithelfen konnte. Die Jungs haben es toll gemacht und jetzt den Sack zugemacht. Ich bin sehr stolz auf das ganze Team. Ich kann im Moment den Aufstieg noch gar nicht richtig realisieren. Aber ich denke, das wird sich in den nächsten Tagen legen, und dann ist die Vorfreude auf die Bundesliga umso größer.

Nikolai Link, Erlanger Leistungsträger: Besser geht es nicht. Wir haben eine unglaubliche erste Halbzeit gespielt. Wir waren in der Pause ohne Ende erleichtert, als wir die Bietigheimer jubeln gehört haben. Wenn uns vor der Saison jemand gesagt hätte, dass wir mit dem Harty (Hartmut Mayerhoffer) zusammen aufsteigen - einfach unglaublich.

KOMMENTAR · AUFSTIEG DER SG BBM: Hut ab

Die Handballer der SG BBM Bietigheim haben Großes vollbracht. Mit dem Sprung in die Erste Bundesliga erntet der Klub die Früchte seiner jahrelangen Arbeit.

Die Handballer der SG BBM Bietigheim haben Großes vollbracht. Mit dem Sprung in die Erste Bundesliga erntet der Klub die Früchte seiner jahrelangen Arbeit. Das kleine Bietigheim-Bissingen ist nun mit Berlin und Göppingen der einzige Standort, der sowohl erstklassige Frauen als auch erstklassige Männer beheimatet. Hut ab.

Was diesen Aufstieg so besonders macht, sind die Umstände. Denn nach den langfristigen Verletzungen von drei Stützen hatten selbst die größten Optimisten die SG BBM eigentlich bereits abgeschrieben. Zu groß schien der Substanzverlust. Doch genau das Gegenteil ist eingetreten: Das Team rückte enger zusammen, Spieler wie die Brüder Marco und Patrick Rentschler oder Paco Barthe sprangen in die Bresche und wuchsen über sich hinaus. Vater des Erfolg ist aber zweifellos Trainer Hartmut Mayerhoffer. Der aus der Dritten Liga gekommene und zunächst kritisch beäugte Nachfolger des beliebten Jochen Zürn hat einen klasse Job gemacht.

Zum perfekten Glück fehlt nur noch eine adäquate Spielstätte, sprich die seit Jahren von der SG geforderte Ballsporthalle. Nach den Frauen 2013 sind am Samstag auch die Bietigheimer Männer mit dem Aufstieg in Vorleistung gegangen. Jetzt sind Stadt und Politik am Zug.

Aufstiegs-T-Shirts, Pfiffe für den OB und eine Riesentorte

Eine rauschende Party vor und in der Viadukthalle bis spät in die Nacht, Aufstiegstorte und extra angefertigte T-Shirts - die SG BBM Bietigheim war bestens auf den Erstliga-Aufstieg vorbereitet. Sechs Anekdoten vom Rande des Geschehens.

Der Bietigheimer Konditor- und Bäckermeister, Eberhard Blatter, ein glühender Bietigheimer Handball-Fan, leistete einen süßen Beitrag zum Gelingen der Aufstiegsparty: Er spendierte eine riesige Torte, auf der mit Marzipan das Mannschaftsfoto, Bilder von Spielszenen sowie der Text "Stärkste Liga der Welt, wir sind dabei. Danke für die tolle Saison!" eingearbeitet waren. Der verletzte SG-Kapitän Christian Heuberger blieb die Ehre vorbehalten, die Torte anzuschneiden und die ersten Stücke an die Fans zu verteilen.

Beim Gastspiel in Rostock blieben sie noch unter Verschluss, weil Konkurrent SC DHfK Leipzig nicht mitgespielt hatte und der Aufstieg so vertagt wurde. Am Samstag kamen die knallroten Aufstiegs-T-Shirts dann endlich zum Einsatz. In der Endphase der Partie schlüpften die Reservisten in die Oberteile, nach dem Schlusspfiff trug dann jeder Spieler und Funktionär das T-Shirt. "Im Handball-Olymp angekommen" prangte in großen weißen Buchstaben auf der Brust. Auf der Rückseite war unter dem Hinweis "Heimstärke-Tour 14/15" eine Deutschland-Karte abgebildet mit den Handball-Metropolen Flensburg, Kiel, Hamburg, Berlin, Lemgo, Magdeburg, Gummersbach, Mannheim, Göppingen - und Bietigheim. Auch die Erlanger waren vorbereitet: Sie liefen in schwarzen Tops herum mit dem Spruch "Erlangen rockt Handball-Deutschland".

Die ohnehin geplante Saisonabschlussfeier wurde kurzerhand zur Aufstiegsparty. Vor der Sporthalle am Viadukt gab es bis spät in den Abend eine Hocketse mit Steaks, Würsten, Bier und guten Tropfen vom Weinwagen der Weingärtner Stromberg-Zabergäu. Drinnen in der Halle war eine Bar aufgebaut. Das Spielfeld wurde zu einer großen Tanzfläche, auf der sich auch die Bietigheimer Spieler eifrig austobten - etwa zu einer abgewandelten Version des Helene-Fischer-Hits "Atemlos". Da verdienten sich vor allem Robin Haller als Solotänzer sowie Paco Barthe und Andreas Blodig beim innigen Huckepack-Tanz Bestnoten.

Mannschaftsarzt Dr. Christoph Lukas muss die Enz durchschwimmen - der Einsatz für eine verlorene Wette. Denn vor der Zweitliga-Saison hatte er mit SG-Physiotherapeut Milko Hess eine Wette verabredet: Hess prophezeite einen Aufstieg der Bietigheimer Handballer, Lukas hielt dagegen - und lag damit falsch. Jetzt ist der Arzt gefordert, der Fluss ruft. "Da werde ich mich wohl nicht drücken können. Milko wird schon dafür sorgen, dass ich ins Wasser gehe", sagte Lukas mit einem Schmunzeln.

In die Aufstiegsfeierlichkeiten mischte sich auch etwas Wehmut: Mit Thorsten Salzer (zum TSV Weinsberg) und Tim Coors (SF Springe) verabschiedete die SG BBM zwei verdiente Handballer. Hallensprecher Michael Kloiber würdigte beide als "Riesentypen". Der gebürtige Bremer Coors bekam zum Abschied neben einem Präsentkorb ein schwäbisches Kochbuch geschenkt. "In den ersten Wochen hat er kein Wort schwäbisch verstanden", erzählte Kloiber. Auch den Verlust von "Todde" Salzer bedauert er: "Ihn werde ich beim Quartettspielen im Bus vermissen."

Viel Applaus gab es für einen Ehrengast: Der frühere Bundestrainer Vlado Stenzel, der mit Deutschland 1978 den WM-Titel holte und ein Ex-Coach von Hartmut Mayerhoffer ist, verfolgte das Duell auf der Tribüne. Pfiffe gabs dagegen für Bietigheim-Bissingens Oberbürgermeister Jürgen Kessing. Ihn hatten einzelne SG-Fans als Bremser in Sachen Ballsporthalle ausgemacht. "Manche vergessen, dass ich Oberbürgermeister für alle bin und nicht nur für die Handballer", sagte Kessing und ergänzte: "Es gibt zwei bundesligataugliche Spielstätten, in denen man wunderbar Handball spielen kann."

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